Es ist eine der ältesten Gesundheitsweisheiten, die wir kennen: Zucker ist schlecht für die Zähne. Schon Kindern wird eingeschärft, nicht zu viele Süssigkeiten zu essen, sonst bekommen sie Löcher. Die Warnung ist berechtigt, doch sie vereinfacht einen Prozess, der in Wahrheit vielschichtiger ist. Denn nicht der Zucker selbst zerstört den Zahnschmelz – er ist lediglich der Treibstoff für jene Mikroorganismen, die es tun.
Das Verständnis dieser Zusammenhänge ist mehr als akademisches Wissen. Es hilft, die eigene Ernährung so zu gestalten, dass der Genuss nicht auf Kosten der Zahngesundheit geht.
Die Mikrobiologie des Süssen
In unserem Mund leben Hunderte verschiedener Bakterienarten – ein komplexes Ökosystem, das Wissenschaftler als orales Mikrobiom bezeichnen. Die meisten dieser Mikroorganismen sind harmlos, einige sogar nützlich. Doch bestimmte Arten, allen voran Streptococcus mutans, haben sich auf eine Ernährungsweise spezialisiert, die für unsere Zähne problematisch ist.
Diese Bakterien verstoffwechseln Zucker – Saccharose, Glucose, Fructose – und produzieren dabei als Nebenprodukt Säuren, vor allem Milchsäure. Diese Säuren sind es, die den Zahnschmelz angreifen. Der Schmelz, obwohl die härteste Substanz im menschlichen Körper, besteht aus Calciumphosphatverbindungen, die sich in saurem Milieu auflösen. Man spricht von Demineralisation – dem Herauslösen von Mineralien aus der Zahnstruktur.
Der Körper hat Schutzmechanismen: Der Speichel neutralisiert Säuren und führt dem Schmelz Mineralien wieder zu, ein Vorgang namens Remineralisation. Doch dieser Reparaturprozess braucht Zeit. Wird er zu häufig unterbrochen, überwiegt der Abbau – und Karies entsteht.
Die Frequenz entscheidet
Ein weit verbreiteter Irrtum betrifft die Rolle der Zuckermenge. Natürlich ist es nicht gleichgültig, wie viel Zucker man konsumiert. Doch wichtiger als die absolute Menge ist die Häufigkeit des Konsums.
Stellen Sie sich zwei Szenarien vor: Person A isst eine Tafel Schokolade in zehn Minuten. Person B isst dieselbe Tafel über den ganzen Tag verteilt, Stück für Stück. Beide nehmen dieselbe Zuckermenge zu sich. Doch die Auswirkungen auf die Zähne sind grundverschieden.
Bei Person A sinkt der pH-Wert im Mund für etwa 30 bis 60 Minuten in den sauren Bereich. Dann erholt er sich, der Speichel neutralisiert die Säure, die Remineralisation kann beginnen. Bei Person B hingegen wird der Mund den ganzen Tag über immer wieder angesäuert. Der pH-Wert hat kaum Gelegenheit, sich zu erholen. Der Zahnschmelz ist permanentem Stress ausgesetzt.
Die versteckten Gefahren
Besonders tückisch sind Getränke, die über längere Zeit konsumiert werden. Der Kaffee, an dem man morgens eine Stunde lang nippt – falls er gesüsst ist oder mit Milch getrunken wird. Die Cola oder der Eistee, die den Nachmittag begleiten. Der Fruchtsaft, der für gesund gehalten wird, aber oft mehr Zucker enthält als Limonade. Jeder Schluck bedeutet einen neuen Säureangriff.
Auch die Konsistenz der Süssigkeit spielt eine Rolle. Klebrige Produkte – Karamell, Fruchtgummis, Trockenobst, Honig – haften an den Zähnen und bleiben länger im Mund. Die Bakterien haben so mehr Zeit, ihre Säure zu produzieren. Besonders problematisch sind saure Süssigkeiten, die Zucker mit Säure kombinieren – ein doppelter Angriff auf den Schmelz.
Schokolade hingegen ist aus zahnmedizinischer Sicht weniger problematisch, als man erwarten würde. Sie schmilzt schnell und wird zügig von den Zähnen gespült. Das macht sie nicht unbedenklich, aber zwischen einem Karamellbonbon und einem Stück Schokolade ist Letzteres das kleinere Übel.
Der Zucker unter falschem Namen
Zucker versteckt sich in vielen Produkten, bei denen man ihn nicht vermutet. Fertigsaucen, Salatdressings, Joghurt mit Frucht, Müsli, Brot, sogar herzhafte Snacks können erhebliche Mengen enthalten. Auf Zutatenlisten erscheint Zucker unter Dutzenden verschiedener Bezeichnungen: Saccharose, Glucose, Fructose, Maltose, Dextrose, Maltodextrin, Maissirup, Invertzucker, Agavendicksaft.
Auch vermeintlich natürliche Alternativen wie Honig, Ahornsirup oder Kokosblütenzucker machen für die Zähne keinen Unterschied. Die Bakterien unterscheiden nicht zwischen raffiniertem und unraffiniertem Zucker – sie verstoffwechseln beides zu Säure.
Klug geniessen
Die Empfehlung ist nicht, auf Süsses gänzlich zu verzichten. Das wäre unrealistisch und unnötig dogmatisch. Die Empfehlung ist, klug zu geniessen. Süssigkeiten gehören zu den Hauptmahlzeiten, nicht zwischendurch. Gesüsste Getränke werden zügig getrunken, nicht über Stunden verteilt. Nach dem Konsum von Süssem hilft es, den Mund mit Wasser zu spülen oder zuckerfreien Kaugummi zu kauen – Beides regt den Speichelfluss an und beschleunigt die Neutralisation.
Wichtig zu wissen: Nach dem Konsum von Säurehaltigem sollte man nicht sofort die Zähne putzen. Der Zahnschmelz ist dann vorübergehend aufgeweicht, und die Zahnbürste kann ihn beschädigen. Eine Wartezeit von mindestens dreissig Minuten ist ratsam.
Häufig gestellte Fragen
Warum verursacht Zucker Karies?
Nicht der Zucker selbst, sondern Bakterien im Mund verursachen Karies. Sie ernähren sich von Zucker und produzieren dabei Säure, die den Zahnschmelz angreift.
Welche Süssigkeiten sind besonders schädlich?
Klebrige Süssigkeiten wie Karamell und Fruchtgummis sowie saure Süssigkeiten sind besonders problematisch, weil sie lange an den Zähnen haften oder den Schmelz direkt angreifen.
Wie kann ich Süsses geniessen, ohne meinen Zähnen zu schaden?
Beschränken Sie Süssigkeiten auf die Hauptmahlzeiten, trinken Sie gesüsste Getränke zügig, spülen Sie danach mit Wasser und warten Sie mindestens 30 Minuten vor dem Zähneputzen.
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