Es ist ein Ritual, das wir täglich vollziehen, meist im Halbschlaf, die Gedanken bereits beim ersten Kaffee oder den Aufgaben des Tages. Das Zähneputzen gehört zu jenen Handlungen, die so selbstverständlich geworden sind, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Dabei zeigt sich gerade hier, wie weit Gewohnheit und Wirksamkeit auseinanderklaffen können.
In unserer Praxis in Dübendorf begegnen wir diesem Phänomen täglich. Menschen, die gewissenhaft zur Zahnbürste greifen, und dennoch mit Karies und Zahnfleischproblemen kämpfen. Der Grund liegt selten in mangelnder Disziplin. Er liegt in einer Technik, die niemand je hinterfragt hat.
Die Architektur des Mundes verstehen
Um zu begreifen, warum die Art des Putzens so entscheidend ist, muss man den Mund als das betrachten, was er ist: ein komplexes Ökosystem. Auf unseren Zähnen, in den Zahnzwischenräumen und entlang des Zahnfleischrandes leben Hunderte verschiedener Bakterienarten. Die meisten davon sind harmlos, einige sogar nützlich. Doch bestimmte Spezies – allen voran Streptococcus mutans – haben gelernt, Zucker in Säure umzuwandeln. Diese Säure greift den Zahnschmelz an, jene harte Aussenschicht, die eigentlich als Schutzpanzer dient.
Der kritische Punkt ist der Übergang zwischen Zahn und Zahnfleisch. Hier, in einer schmalen Rinne namens Sulkus, sammeln sich Bakterien besonders gern. Sie bilden einen klebrigen Film – die Plaque –, der sich mit der Zahnbürste entfernen lässt, solange er noch weich ist. Geschieht das nicht innerhalb von etwa 24 Stunden, beginnt die Plaque zu mineralisieren. Aus dem weichen Belag wird Zahnstein, hart wie der Name verspricht, und nur noch mit professionellen Instrumenten zu entfernen.
Warum wir falsch putzen
Die meisten Menschen bewegen ihre Zahnbürste horizontal hin und her, mit kräftigem Druck, als gelte es, hartnäckigen Schmutz von einer Pfanne zu schrubben. Diese Intuition führt uns in die Irre. Die schrubbende Bewegung reinigt zwar die Kauflächen passabel, verfehlt aber den entscheidenden Bereich: den Zahnfleischrand. Schlimmer noch – der hohe Druck kann das empfindliche Zahnfleisch verletzen und langfristig zum Rückgang führen, was wiederum die Zahnhälse freilegt und sie anfällig für Karies und Empfindlichkeit macht.
Die Wissenschaft empfiehlt seit Jahrzehnten eine andere Methode: die sogenannte Bass-Technik, benannt nach dem amerikanischen Arzt Charles Bass, der sie in den 1940er Jahren entwickelte. Bei dieser Methode wird die Zahnbürste im 45-Grad-Winkel an den Zahnfleischrand angelegt, sodass die Borstenspitzen leicht in den Sulkus eindringen. Statt zu schrubben, führt man kleine, rüttelnde Bewegungen aus – sanft, aber beharrlich. Die gelöste Plaque wird anschliessend mit einer Wischbewegung vom Zahnfleisch weg transportiert.
Die Frage der Zeit
Zwei Minuten – diese Zahl begegnet uns überall, auf Zahnpastatuben, in Wartezimmern, in Ratgebern. Sie ist nicht willkürlich gewählt. Studien haben gezeigt, dass erst ab dieser Dauer eine ausreichend gründliche Reinigung aller Zahnflächen möglich ist. Die Realität sieht anders aus: Die durchschnittliche Putzzeit liegt bei etwa 45 Sekunden. Das ist nicht einmal die Hälfte des Minimums.
Interessanterweise überschätzen die meisten Menschen ihre Putzzeit erheblich. Wer glaubt, zwei Minuten zu putzen, liegt oft bei kaum mehr als einer. Es lohnt sich, einmal die Stoppuhr zu bemühen – die Erkenntnis ist meist ernüchternd. Elektrische Zahnbürsten mit eingebautem Timer haben hier einen praktischen Vorteil: Sie nehmen uns das Schätzen ab.
Morgens oder abends – und in welcher Reihenfolge
Die wichtigere der beiden täglichen Putzeinheiten ist die abendliche. Während des Schlafs produzieren wir weniger Speichel, jene Flüssigkeit, die tagsüber Säuren neutralisiert und Bakterien in Schach hält. Wer mit unreinen Zähnen zu Bett geht, gibt den Bakterien eine ungestörte Nachtschicht.
Eine Frage, die Patienten häufig stellen: Soll man vor oder nach dem Frühstück putzen? Die Antwort ist differenzierter, als man erwarten würde. Grundsätzlich ist das Putzen nach dem Essen sinnvoll, um Speisereste und die durch Nahrung genährten Bakterien zu entfernen. Doch nach dem Konsum von Säurehaltigem – Orangensaft etwa, Früchte oder Joghurt – ist der Zahnschmelz vorübergehend aufgeweicht. In diesem Zustand kann die Zahnbürste mehr schaden als nützen. Die Empfehlung lautet daher: mindestens 30 Minuten warten oder den Mund zunächst nur mit Wasser spülen.
Das Fluorid-Paradox
Ein Detail, das selbst gesundheitsbewusste Menschen oft übersehen: Nach dem Putzen sollte man die Zahnpasta nicht gründlich ausspülen. So kontraintuitiv es klingen mag – das Fluorid in der Zahnpasta braucht Zeit, um in den Zahnschmelz einzudringen und seine schützende Wirkung zu entfalten. Die Empfehlung lautet: Ausspucken ja, Nachspülen mit Wasser nein. Wer den Geschmack nicht mag, kann auf Zahnpasten mit milderem Aroma umsteigen oder sich schlicht daran gewöhnen.
Das Zähneputzen, so banal es erscheinen mag, ist letztlich eine Kulturtechnik, die erlernt und verfeinert werden will. Die gute Nachricht: Es ist nie zu spät, alte Gewohnheiten zu korrigieren. Nach etwa zwei Wochen bewussten Übens wird die neue Technik zur zweiten Natur.
Häufig gestellte Fragen
Wie lange sollte man Zähne putzen?
Mindestens zwei Minuten, zweimal täglich. Studien zeigen, dass erst ab dieser Dauer alle Zahnflächen ausreichend gereinigt werden können.
Welche Zahnpasta ist empfehlenswert?
Entscheidend ist der Fluoridgehalt – mindestens 1000 ppm sollten es sein. Fluorid stärkt den Zahnschmelz und macht ihn widerstandsfähiger gegen Säureangriffe.
Putzt man besser vor oder nach dem Frühstück?
Nach dem Frühstück ist grundsätzlich sinnvoller. Nach säurehaltigen Speisen sollten Sie jedoch 30 Minuten warten, da der Zahnschmelz vorübergehend aufgeweicht ist.
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